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Alter Hafen von Rethimno

Alter Hafen von Rethimno (Hans-Jürgen Gaudeck)

 

Maria    

Der alte venezianisch-osmanische Hafen von Rethimno ist Idylle und Schandfleck zugleich. Kleinen Fischerbooten schenkt er Geborgenheit, der Fremdenverkehrswerbung das beste Argument, die Stadt zu besuchen. Doch die Stadtväter danken es ihm nicht. Sie lassen die Fassaden der kleinen Häuser, die den schmalen Kai säumen, gnadenlos verfallen, nehmen ihnen ihre Würde.

Trotzdem sind die Fischtavernen, deren Tische und Stühle auf dem Kai kaum noch Platz für Passanten gewähren, vor allem abends immer gut gefüllt. Da lässt das Schummerlicht den bröckelnden Putz sogar romantisch erscheinen. Man sitzt ja ohnehin am liebsten in Blickrichtung Meer, schaut über die kleinen Kaikis zum winzigen Leuchtturm, der schon seit Jahrhunderten Blinkfeuer ist. Da merkt man dann auch nicht mehr die Aufdringlichkeit der Kellner, die wortreich jeden Vorübergehenden auf einen ihrer freien Stühle reden möchten.

 

Die Taverne » Knossos « bildet eine rühmenswerte Ausnahme. Ihre charmante Wirtin Maria mit den stets traurigen Augen sieht Menschen an sich vorübergehen, nicht wandelnde Portemonnaies. In der Küche steht die alte Frau Mama, putzt schon ab morgens um Acht Salate, schält Kartoffeln, kocht Krake und legt sie dann in Essig und Öl ein. Maria dirigiert den Service: Cousin und Bruder. Der macht es ihr nicht immer leicht, denn er spielt lieber Gitarre als Kellner. Manchmal zieht er sich ganz einfach in sein Stübchen im Zwischengeschoss zurück, öffnet die Balkontür und unterhält die Gäste von oben mit seinen griechischen Melodien.

Bei Maria kehren auch Fischer ein. Nicht auf eine Fischmahlzeit, aber auf einen Ouzo oder Raki. Den Imbiss dazu bringen sie selber mit. Wer mag, kann kosten, was in keiner Taverne auf der Speisekarte steht. Zum Beispiel die rohen Innereien aus dem Kopf der Krake. Genießbar sind sie, aber kein Genuss!

   
Klaus Bötig


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