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REISE: Süddeutsche Zeitung - 5. Juli 2007 – Nr. 152 - Seite 37

Der Trotz der Tamariske
Rezensiert von STEFAN FISCHER

Das meiste im Leben ist eine Frage der Perspektive: Im Spanischen ist „vamos” die Aufforderung aufzubrechen. Für den Autor Klaus Bötig und den Maler Hans-Jürgen Gaudeck ist Vamos hingegen gleichbedeutend mit Ankunft, mit einem Gefühl innerer Ruhe. Vamos heißt, wie zum Hohn auf mediterrane Hektik, ein Dorf im Westen Kretas, in dem sich die beiden Männer im vergangenen Herbst für einige Wochen einquartiert haben. Diese „Tage auf Kreta” sind in einem kleinen Buch festgehalten, aus zwei Perspektiven: Der Aquarellist Gaudeck hat in durchscheinenden Farben gemalt, Bötig wiederum in Worten beschrieben, was sie bei ihren Streifzügen über die Insel gesehen haben. Wobei die Blicke sich naturgemäß unterscheiden: Gaudeck schaut während des Malens minutenlang in dieselbe Richtung. „Mir ist das nicht möglich”, schreibt Bötig, der sich nicht auf jeweils ein Motiv konzentriert, sondern mannigfache Eindrücke sammelt, seinen Blick von Geräuschen leiten lässt und stärker nach Widersprüchen sucht, als Gaudeck dies in seinen Aquarellen tut.
Ein schönes Beispiel für das Spiel mit Perspektiven liefert Klaus Bötig gleich zu Beginn des Buchs. Er schildert, wie er während eines lange zurückliegenden Kreta-Aufenthalts bei einer Taufe, mit dem orthodoxen Ritus nicht vertraut, die Finger beim Bekreuzigen so hielt, dass er sich in den Augen der Griechen als Satan offenbarte. Später einmal bewirtete ihn eine Alte, ohne scheinbar einen Anlass dazu zu haben. Nach dem Grund ihrer Gastfreundschaft gefragt, antwortete sie: „Weiß ich, ob du nicht Christus bist, der mich auf die Probe stellen will?”
Beide, Bötig wie Gaudeck, haben Spaß am Paradoxen. Sie berichten von Blutfehden und von Wundergläubigkeit und bewundern ihrerseits den Spagat, mit dem einige Dorfbewohner die Tradition mit der Moderne vereinen: Wie erst mit den Möglichkeiten der Moderne das Überkommene bewahrt werden kann. Nur der Computer ermögliche ihr, erzählt eine junge Frau, in ihrem Geburtsort zu leben und von dort aus zu arbeiten.
Ein weiteres Paradoxon: Den Wert ihrer Olivenbäume, den tatsächlichen wie den ideellen, wissen die Kreter zu schätzen. Und delegieren die so wichtige Ernte dennoch an Albaner. Die Insulaner sind, so beschreibt es Bötig, so malt es Gaudeck, mit der Gabe des „atomistischen Sehens” gesegnet: Sie werten triste Gassen durch Pflanzen auf, topfen diese aber in Olivenölkanister. Das Schöne genießen sie, alles Hässliche blenden sie schlicht aus.
Und dann ist da noch etwas, das die beiden Deutschen an Kreta und den Bewohnern besonders wertschätzen: Nicht alles muss einen Sinn ergeben, muss einen Nutzen erbringen. Die Tamariske, auch Salzbaum genannt, steht sinnbildlich dafür. Alles an ihr scheint Trotz: Sie wächst, wo nichts wachsen will, blüht, wenn sonst nichts blüht, im Oktober und November. Die Tamariske hat keine Funktion, bringt keinen Ertrag.
Diese Unbeschwertheit des Seins veranschaulicht Hans-Jürgen Gaudeck in seinen Bildern, die konkret sind in der Gegenständlichkeit ihrer Motive und doch abstrahieren: Gaudeck fängt nicht eine Landschaft, sondern ein Lebensgefühl ein. STEFAN FISCHER
KLAUS BÖTIG, HANS-JÜRGEN GAUDECK: Tage auf Kreta. HSB Verlag, Nagold 2007, 85 Seiten, 15,90 Euro.


Weitere Rezensionen zu Tage auf Kreta: Presse: Süddeutsche Zeitung - neaFON - Griechenlandzeitung - Berliner Morgenpost - Badisches Tagblatt - DIE ZEIT - Hamburger Abendblatt (nur Text) - Thüringer Landeszeitung

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